
(Dieser Beitrag ist zuerst auf pasqualle.com erschienen)
Die Nadel des Plattenspielers läuft brav in den Rillen des schwarzen Vinyls. The National’s neuste Veröffentlichung »Boxer« liegt auf dem Teller. Ich liege im Bett, das Licht ist schon aus, und lausche dem tiefen Bariton von Matt Berninger. Diese ruhige, geradezu andächtige Musik, bietet die optimale Atmosphäre um ein spektakuläres Konzerterlebnis Revue passieren zu lassen. auch vergleiche ich die Live-Perfomance mit den Klängen auf Platte.
Wenige Stunden zuvor betrat ich einen Tunnel vollgefüllt mit menschlichem. Obwohl es erst zwei Minuten nach neun Uhr war, saß Hayden, Vorband und langjähriger Freund von The National, schon an seinem Klavier auf der Bühne. Um seinen Hals hing die ganze Zeit eine Mundharmonika. Ich musste daran denken wie jemand mal sagte, dass das Klavier das “neue populäre Instrument im Indierock und -pop” wäre. Der kanadischer Singer/Songwriter verbreitete mit den maximal zwei gleichzeitig gespielten, meist akustischen Instrumenten hochwertigen Folk/Country Sound in dem Tunnel. Ohne zu wissen wie ekstatisch der Abend noch werden würde, hielt ich Hayden’s Musik für eine saubere Grundlage für nachfolgendes.
Mit »Start a War« beginnen Matt Bernigner, Aaron Dessner, Bryce Dessner, Bryan Devendorf und Scott Devendorf auch recht gemütlich, stimmen das Publikum erst einmal auf die auf »Boxer« vorherrschende Stimmung ein. Dadurch, dass die fünf New Yorker bis auf »Guest Room« und »Gospel« alle Tracks ihrer neusten Scheibe spielten, wurde der Zuhörer immer wieder in diese Stimmung zurück geholt. Augen schließen, im Takt mitwippen, sich von Bernigner’s sonoren Stimme und den darum herum schwirrenden Gitarren-, Schlagzeug- und Geigenklängen an der Hand nehmen und in ihre heilen Tonwelten geleiten lassen. Zu diesen Zeitpunkten wünschte ich in einem kleinen Raum, voll von roten, mit samt bezogenen Sitzmöbeln zu sein, nicht stehen zu müssen, gedämpftes Licht, Lounge-Atmosphäre. Vor mir eine kleine Bühne, auf dem Tischchen neben mir ein Glas Rotwein.
Matt Bernigner trank Weißwein. Auch er war komplett in seine Musik versunken. Wenn er nicht singen musste drehte er dem Publikum den Rücken zu, man spürte wie auch er die Augen geschlossen hatte, sich seiner Musik mit einer Leidenschaft und Hingabe widmete. Man hatte das Gefühl, als ob er gar nicht singen und die ganze Zeit in dieser, seiner Welt verharren wollte, aber durch das Fortschreiten der Musik geradezu gezwungen wurde. Mit seinem nahezu schizophrenen auf der Bühne herumlaufen und den plötzlichen Richtungswechseln gen Mikrophon vermittelte er auch die Mehr-Energie des Live-Auftritts gegenüber den Tonträgern. Auch Padma Newsome, der Multi-Instrumentalist der Schwesterband Clogs der bisher auf allen Platten von The National vertreten war, sorgte mit seinen enthusiastisch gespielten Geigen- und Pianoparts für eine weitere Energiedimension auf der Bühne. Diese Mehr-Energie war auch das Begeisternste. Auf Platte schon etwas lautere Songs wie »Secret Meeting« und »Abel« wurden durch Betonung der Gitarreparts, leichte Veränderungen im Verlauf, Post-Rock Anleihen, geradezu akribisch errichteten und niedergerissenen Riffwänden und einen fast kreischenden Frontmann in eine tanzbare und noch emotionalere Live Performance verwandelt. Den Höhepunkt dessen bildete das, neben »Green Gloves«, »Virginia« und »About Today« in der Zugabe gespielte, »Mr. November« bei dem Matt Bernigner vor lauter Inbrunst singend und wieder total in seiner Welt versunken von der Bühne fiel. Auf dem Boden liegend sang er weiter, und am Ende des Liedes kommentierte er seine Missgeschick trocken mit den Worten “Where are the cheerleaders, when you need them?”.