Maximo Park, Mando Diao, Chris Cornell – ich würde sagen, das waren die Konzerte, die ich am wenigsten genossen habe.
Nicht, daß es schlecht gewesen wäre, aber: Es war zu poppig. Um das halbwegs nachvollziehbar erklären zu können, muß ich wohl weiter ausholen:
Meine musikalische Sozialisation im Kreise anderer Jugendlicher meines Umfeldes war, gelinde gesagt, von Einsamkeit geprägt. Die bekannteren meiner Lieblingsbands sagten anderen entweder nur vom Namen her oder wegen eines Riesenhits, der damals bereits eine halbe Dekade zurücklag etwas, die Gemeinsamkeiten mit ihren Vorlieben beschränkten sich daher auf sehr wenige Berührungspunkte. So kam es, daß ich irgendwann aufgab, jemanden dazu zu bewegen, den zweiten Gästelistenplatz neben meinem in Anspruch zu nehmen. Auch der geschenkte Gaul ist nur eine unbrauchbare Mähre, wenn er von mir kommt, so mein damaliges Fazit. Daß jemand auch noch Geld dafür ausgegeben hätte, mit mir auf ein Konzert zu gehen, ist nie passiert. Ich will mich jetzt nicht in selbstmitleidigem Gejammer ergehen, aber nachdem ich mal jemandem eine Karte für die Queens of the Stone Age geschenkt habe und er mitten im Konzert einfach abgehauen ist, habe ich beschlossen, daß ich allein mit der Musik glücklicher bin. Und auch viel besser die Leute kennenlernen kann, denen es ähnlich geht.
Pearl Jam in Berlin, Wuhlheide. Spätsommer 2006. **
Ich gehe allein auf ein Konzert und da zwei Tage später mal wieder eine Prüfung ansteht, nehme ich einige Notizen mit. Die wahren Einsamen erkennt man ja bekanntlich daran, daß sie vor Konzerten allein herumstehen oder sitzen und lesen. Oder rauchen. Mit anderen zusammen auf ein Konzert zu gehen ist für mich eine recht ungewöhnliche und seltene Erfahrung. Immerhin wurde ich dorthin kutschiert, von zuhause ist es nicht weit und der Karpate ließ mich vorn auf seinem Fahrrad mitfahren.
Einen wunderbaren (Sitz-)Platz hab ich erwischt, mittig, links neben dem Soundboard. Bald werden die Plätze neben mir von netten Jungs belegt, Belgier, die mit einem Sachsen, man hört es deutlich, lustig kauderwelschen. Wir kommen ins Gespräch, meine Verbtabellen des Syro-Aramäischen fallen auf. Man bringt mir ungefragt ein Bier mit, Oh, I thought you might like - ah, see, you like it! Now you’re smiling!, wir plaudern. Samuel, Istvan, noch ein Belgier und der Leipziger. Wir besprechen unsere Pearl Jam-Erfahrungen, die Belgier waren in Antwerpen, Madrid und Paris. Da sie alle relativ jung sind, um die 20, haben sie Pearl Jam erst vor fünf bis sechs Jahren entdeckt.
Das Hurricane hinterläßt mindestens drei Grinsebärchen in der Republik (René, die Kleine, mich) und ein Leuchtebärchen: Malcolm, wie geht’s dem Sonnenbrand? Oh, nicht zu vergessen, das Hackebärchen! Dennis, lebst Du noch?
Zurück zur Musik:
Pearl Jam sind immer eine Bank, egal wie mies die Rahmenbedingungen sind, so daß mein Fazit des Konzertes am Donnerstag nur lauten kann: Es hat sich gelohnt! Haltet mich für bekloppt, aber jedes Konzert dieser Band ist so einzigartig und überwältigend toll, daß man geradezu süchtig werden kann nach diesem Gefühl. Die Setlist war großartig, für die Kenner: Sad, Breath, State of Love and Trust, I am Mine, Insignificance … als ich nach dem Konzert mit anderen Fans gesprochen habe (die, so mein Eindruck, irgendwie alle letztes Jahr in Berlin auf dem Konzert waren, ich habe mitgezählt: Mindestens 47 Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren letztes Jahr in Berlin!), waren letztlich doch alle begeistert.
Ganz ganz kurz habe ich dann sogar noch die Organisatorin meiner Mitfahrgelegenheit nach Scheeßel getroffen, die Gute war völlig aufgelöst, weil Treffen nach Konzerten eigentlich immer schiefgehen, schade, dabei hätte ich die anderen Buggers und Jammers doch so gern kennengelernt. Das restliche Socialising hat aber ganz gut funktioniert:
Auf einem Zettel irgendwo an der Halle stand „Peral Jam“ – nur ein Tippfehler, aber so bezeichnend für den ganzen Abend.
Ich war gegen dreiviertel fünf in Düsseldorf angekommen, hatte vom Bus aus nach billig aussehenden Pensionen geschaut und bin gleich am Haptbahnhof in der ersten abgestiegen. 25 Euro für ein Einzelzimmer, welches sich dann doch als Doppelzimmer entpuppte. Toilette und Dusche für fünf Zimmer eine halbe Treppe tiefer, egal. Nicht egal war mir der Geruch, aber mit konsquenter Lüftung, das heißt: Fenster weit auf, um fünf zum Konzert losfahren und nach der Rückkehr gegen drei Uhr nachts wieder anklappen, ging es dann. Immerhin war das Waschbecken tief genug, um sich darin die Haare zu waschen und der Spiegel so angebracht, daß ich doch glatt noch meine Augen und die Stirn naaaa, Zehenspitzen, ja, Nase, aua, Zehenspitzen, so groß bin ich nicht – was soll denn bitte sowas? Nur geeignet für Menschen ab einem Meter achtzig Körpergröße. Aber: Egal.
Es ist ja jetzt schon wieder einige Tage her, daß ich Built To Spill und Kate Mosh im Postbahnhof gesehen habe, daher nur einige kleine Impressionen:
Kate Mosh klingen wie die kleinen Brüder von The Notwist, nur daß sie nicht an die Computer dürfen und etwas wilder sind. Und sie waren anfangs extrem verunsichert, haben sich dann aber gemacht. Das war so Kopfhörermusik, vorm Einschlafen weiche Indiemelodien mit vielen Ausbrechern ins Rockige, insgesamt war’s aber schön, ich werde da auf jeden Fall dranbleiben.
Ja, und dann Built To Spill. Man muß wissen, daß dieses Konzerterlebnis ein Geburtstagsgeschenk meines besten Freundes war, der meinem Musikgeschmack bisher immer getraut hat. Das wird sich nun wohl ändern … Die “You In Reverse”, das letzte Studioalbum von BTS hatte ihm ja schon nicht so zugesagt, aber als Freund ist man da schmerzfrei, schließlich: Versprochen ist versprochen. Ihm schwante allerdings schon Übles, als die Herren die Bühne betraten: “Die sehen alle aus, als hätten sie kein Zuhause” - na, und so haben sie denn auch gespielt, so, als hätten sie keine Heimat in die es sich lohnen würde zurückzukehren. KeinSongunter7 Minuten! Keiner!
Nein, das ist nicht meine Lebenseinstellung (oder doch?), sondern eines der Konzerte, an die ich mich seltsamerweise am liebsten erinnere.
Konzert- und sonstige Rezensionen sind ja sehr beliebt in der kleinen gemütlichen Blogosphäre, da will ich jetzt auch mal. Stört ja auch keinen, daß dieser Abend nun schon 10 Jahre zurückliegt, nicht wahr?
Der Spaß begann mit dem Kartenkauf. Wenn man im Kaufhof am Alex an der Theaterkasse laut und deutlich sagt: “Einmal Pro-Pain, bitte!” erntet man irritierte Blicke. Mit “Ham’wa nich.” lasse ich mich natürlich nicht abwimmeln, da müssen Fakten her: Wann, Wo, Wie teuer - geht doch! Also Karte gekauft. Ich schaue gerade wehmütig auf mein Ticket, ich hab’s nämlich noch: 17 Mark, kaum zu glauben, das waren noch Zeiten. Übrigens war das die Tour zum 96er Album “Contents Under Pressure”.
Daß das Konzert in der Woche stattfand, ich am nächsten Tag eine wichtige Klausur hatte (im Nachhinein erscheint es mir, als hätte ich nach jedem Konzert eine Klausur gehabt - und diese dann immer grandios verpennt oder versemmelt, aber ich war ja sowieso eine Fehlbesetzung auf unserem naturwissenschaftlichen Gymnasium, ich Mathe- und Physikniete), hat mich nicht im geringsten gestört. Jetzt ist das Leben! Gilt übrigens immer noch.