Erste Zweifel überkamen mich Naiven erst im Atomic Café selbst. Eine Dame jüngeren Jahrgangs vor mir drehte sich zu mir um und fragte mich, woher ich die Band denn kenne. Darauf wusste ich keine Antwort, weil der Zeitpunkt schon ein wenig länger her war. Sie meinte, dass sie Rooney aus einem Gastauftritt aus O.C. California kenne und ihr da der Sänger aufgefallen sei, weil der so süß schaue.
Ich schaute mich um und tatsächlich - das Publikum wäre locker als Abistreichbagage durchgegangen. Soweit, so jut. Die Vorband war nicht weiter erwähnenswert, völlig uninspirierter Deutschrock. Nicht einmal der Name war eingängig.
Dann kam eine deutlich überdimensionierte Umbaupause, in der sage und schreibe eine Box verschoben und fünf Instrumente gestimmt wurden. Dafür braucht man unbedingt ne ganze Stunde. Dann kam ER auf die Bühne. ER, den ich für einen Mittdreißiger mit selbstironischem Wesen gehalten habe (”I’m A Terrible Person…”). ER sah aus wie James Blunt, er heischte schon vor jedem Ton um Beifall Gekreische.

Photograph: hi-tekznologik (cc-licensed)
Es gibt Schlüsselmomente im Leben eines Menschen. Momente, die einen ohne Vorwarnung packen, Momente, die sich mit so hoher Emotionalität ins Hirn einbrennen, auf dass die Bilder immer abrufbar bleiben.
Diese Momente gibt es überraschenderweise im Leben eines Musikliebhabers ebenfalls. Im Märzen 2005 stand der Autor dieser Zeilen hier zum wohl ersten Mal in seinem Leben bei einem Clubkonzert im Publikum, ohne den auftretenden Hauptact zu kennen: Maxïmo Park beehrten das Atomic Café. Inmitten von 400 zumeist jungen Menschen harrte ich der Dinge, die da noch kommen sollten. Die Menge war erregt, elektrisiert, ja gar aufgeputscht, noch bevor auch nur ein Mikrophon auf der Bühne stand. Nach geraumer Zeit kamen dann zügigen Schrittes ein paar nette Kerls von nebenan auf die Bühne, gefolgt vom Frontmann Paul Smith. Mit einem feuerroten Pullunder, schmalziger Pomade im Haar und einer Mimik wie Jack Nicholson in einem abgelegenen Skiressort.
Einige Monate später las ich in einem Vorbericht zum Konzert von Maxïmo Park beim Monsters of Spex in Köln, dass die Band wenige Monaten vor dem Debüt noch auf der Suche nach einem Frontmann gewesen war. Was, wenn sie nicht auf Paul Smith gestoßen wäre? Ich vermute, die Band stünde nicht in diesen Zeilen.